aktualisiert:

 10/08/08

(c) Klaus-Dieter Engel

Alte Post

Deutschland  Hessen  Landkreis Marburg-Biedenkopf   Stadt Marburg  Wohratal 

Gasthaus “Zur Alten Post” schloss seine Pforten

Das alte Gasthaus diente nachweisbar schon in den 30er Jahren des 18. Jahrhunderts zunächst als Poststation. Ca. 1755 ging das Haus in den Gemeinschaftsbesitz sogenannter Postbeständer über. Als Postbeständer bezeichnete man Bauern, die Pferde hielten, die der Post für Passagier- und Gütertransporte gegen Entlohnung zur Verfügung gestellt wurden.

Nach Streitereien der Postbeständer mit dem Urgroßvater von Franz von Dingelstedt, dem Postexpeditor Carl-Ludwig Metzger, ging das Haus mit Scheune und Garten 1772 für 900 Reichstaler in den Besitz der Landgrafen von Hessen-Kassel über.

1810 wird die Station als Königlich-Westphälische Postanstalt im Departement Werra bezeichnet. Mit dem Bau einer Umgehungsstrasse, der heutigen B 3, wurde die Poststation 1839 nach Josbach verlegt.

Das Posthaus mit Grundstücken wurde vom kurhessischen Staat an den Postmeister, Karl-Wilhelm Keydell, veräußert. Dieser verkaufte es 1840, also schon ein Jahr später, an den Gastwirt und Ackermann Johannes Ockershausen. Seit dieser Zeit diente das Haus nun als Gastwirtschaft.

1866 wird Valentin Staffel, der Ururgroßvater von Wilhelm Engel, Eigentümer des gesamten Anwesens. Er erhält auf Antrag beim königlichen Landratsamt Kirchhain die Konzession zum Betrieb eines „Handels mit Kaffee und Zucker, Herbergierung, Bier-, Wein- und Branntweinschenk.“
Die Gaststättenkonzession von 1866


Die Tochter Staffels heiratet 1875 den Bäcker Carl Engel aus Rosenthal. Dieser erhält am 28. Januar 1880 die Gestattung zum Betrieb der Gastwirtschaft und übernimmt diese von der Witwe des Valentin Staffel.

Dem älteste Sohn aus dieser Ehe, Wilhelm Engel, wird am 8. Februar 1901 die Gaststättenkonzession übertragen. Dessen Sohn, Karl Engel, führte die Gaststätte unter der Bezeichnung „Gasthaus Zur Linde“ weiter und übergab sie 1960 an Wilhelm Engel.
Das alte Gasthaus "Zur Linde"

1975 wurde das alte Fachwerkhaus abgerissen und an gleicher Stelle ein Neubau errichtet. Der Tradition des alten Hauses entsprechend gab Wilhelm Engel der neuen Gaststätte den Namen „Gasthaus Zur Alten Post“.

Um die Gaststätte ranken sich viele Anekdoten und Geschichten:

1884 hatte sich der damalige Gastwirt Carl Engel strafbar gemacht, weil er schon am Tage vor der Kirmes zum Tanz aufspielen ließ, obwohl er dafür keine Genehmigung hatte. Bei der Vernehmung beim königlichen Landratsamt Kirchhain gab er zu Protokoll, dass es sich um einen Probetanz gehandelt habe und er nicht wusste, dass auch dafür eine Genehmigung notwendig sei. Diese Aussage überzeugte die vernehmenden Beamten jedoch nicht und Carl Engel wurde zu einer Geldstrafe von 15 Mark verurteilt.

Auch in der Zeit der Inflation im Jahr 1923 fand die Kirmes statt. Die Gäste der Kirmes bezahlten die Getränke mit Milliardenscheinen. Gastwirt Engel sammelte diese in einem großen Tragekorb hinter der Theke. Seinem älteste Sohn Konrad, mit 23 Jahren im richtigen Burschenalter, war klar, dass das Geld schon am nächsten Tag fast nichts mehr wert war. So griff er heimlich in den Korb, nahm etliche Milliarden heraus und verteilte sie anschließend wieder an die Burschen auf dem Tanzboden im Hof. Das war zur Freude der Burschen eine ganz neue Form des Geldkreislaufs.

Überhaupt ist die Geschichte der Halsdorfer Burschen eng mit dem Gasthaus verknüpft. So gilt ein Schuldenbuch des Gasthauses aus dem Jahr 1901 als Nachweis für die nun über hundertjährige Geschichte der Burschenschaft Halsdorf.

Auch für andere Vereine, wie den Sportverein TSV Halsdorf war das Gasthaus über viele Jahre Anlaufpunkt nach Siegen und Niederlagen.

Die Halsdorfer Gemeindevertreter fanden sich nach erregten Debatten im Parlament immer gerne im Gasthaus ein, um bei frisch gezapftem Bier die erhitzten Gemüter ein wenig abzukühlen.

Mit der Halsdorfer Schoppenelf , dem 1. DV Kastebier, hat der Gastwirt im Ruhestand ein besonders inniges Verhältnis. Seit nunmehr 30 Jahren war er Vereinswirt und stellvertretender Kassierer. Auch die Pokalpflege hatte der rührige Gastwirt mit seiner Ehefrau Annchen über Jahre übernommen.

Zwischenzeitlich hatte die Gaststätte von den Gästen auch einen neuen Namen erhalten. Um dem Wirt und seiner Frau Wege zu sparen, wurden mehr und mehr Biergläser mit 0,4 Liter Inhalt, statt der in Halsdorf üblichen 0,2 Liter („Reagenzgläser“) ausgeschenkt. Schon bald nannten die Gäste ihr Stammlokal „Gasthaus 04“. Der Post war dieser Name bald geläufig, da auch Postkarten mit der Anschrift „Gasthaus 04“ stets den richtigen Adressaten fanden.Harald Kren und Helmut Hoch 2006  vom Bundesligastammtisch

Am 28. Juli 2007 hatten die Stammgäste der „Alten Post“ dann letztmals Gelegenheit dem traditonsreichen Gasthaus einen Besuch abzustatten. Viele Halsdorfer hatten sich eingefunden, um den Wirten Annchen und Wilhelm „Adieu“ zu sagen. Horst Becker vom 1. DV Kastebier, Helmut Hoch vom Bundesligastammtisch und Ulrike Panovsky als Vertreterin vieler treuer Stammkunden sprachen Grußworte und überreichten den Ruheständlern kleine Präsente.
Stammgäste bei irem letzten Besuch am 28.07.2007

Wilhelm Engel gab zum Abschied Freibier und verteilte Becher mit der Aufschrift „Gasthaus 04“.

Die beiden Wirtsleute gehen nun in den wohlverdienten Ruhestand, das Gasthaus mit dem viele Halsdorferinnen und Halsdorfer ein Stück ihrer Lebensgeschichte verbinden, schließt für immer seine Pforten.
Wilhelm Engel und Annchen Engel 2007

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